Oje, USA ! – Das “Fiskal-Kliff” ist ein Treppenwitz

by markusgaertner on 15/11/2012 · 5 comments

IKONE_AMERIKA

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607 Milliarden Dollar auf einen Schlag. Über Nacht. Am 1. Januar 2013. Das ist das gefürchtete “fiskalische Kliff” in den USA. Es ist größer als das BIP der Schweiz, und fast halb so groß wie das BIP von Spanien.

Es sind Budgetkürzungen und höhere Steuern, die in diesem Umfang zu Jahresbeginn 2013 plötzlich greifen. Der Schnitt hält die Börsen in Atem, versetzt Amerikas Wirtschaftskapitäne in Panik und sorgt für fieberhafte Verhandlungen im Weißen Haus.

Glaubt man dem Congressional Budget Office, den Verlautbarungen vieler US-CEOs und den alarmistischen Berichten in vielen Zeitungen, dann wird dieses Kliff im Handumdrehen die US-Konjunktur abwürgen, Millionen von Arbeitsplätzen kosten und die zweite Rezession in vier Jahren einläuten. Obamas erste große – vielleicht DIE größte – Prüfung in der zweiten Amtszeit steht hier als veritable politische und ökonomische Hürde im Raum. Das US-Monster dieses Jahrzehnts sozusagen.

Ist es das wirklich ? Wohl kaum.

Selbst wenn dieses Monster sich komplett mit seinen 607 Milliarden Dollar Gewicht am 1. Januar auf den US-Haushalt wirft, wird das Etat-Defizit lediglich von 7% des BIP auf 4% des BIP zurückgehen ! Ist das ein erschreckendes Szenario ? Nein. Das ist nur ein Teil der Grausamkeit, die man Griechenland und anderen Peripherie-Vasallen derzeit zumutet. Ganz bestimmt ist es kein Einschnitt, der die USA an den Rand des Abgrunds bringen würde.

Im Gegenteil, es wäre ein vielleicht heilsamer Schock. Aber es wäre gegenüber jetzt nicht einmal die halbe Strecke – in % des BIP gerechnet – in Richtung ausgeglichenem Staatshaushalt. Leute, das ist ja nicht einmal echte Austerität !

Also, lassen wir die Kirche im Dorf. Sollte Amerika über dieses “Kliff” rutschen, würde es bestenfalls die nötige Prise Schmerz spüren, die man braucht, um endlich weitreichende Maßnahmen gegen den wachsenden Schuldenberg zu ergreifen. Der aber würde immer noch mit einem Tempo von 4% des BIP wachsen. Das reicht natürlich längst nicht, um das Finanz-Fundament dieses Landes zu stabilisieren.

Im Klartext: Hier wird ein gigantisches Ablenkungsmanöver abgehalten, das uns – besser allen Amerikanern – vorführen soll, dass sie auf dem Wege seien, drastisch gegen ihre Schulden vorzugehen. Das aber tut man nur, wenn gespart wird. Das heißt, nur zur Erinnerung, weil diese Vokabel irgendwann in den vergangenen 40 Jahren verloren ging: ÜBERSCHUSS !

Davon sind die USA meilenweit entfernt, dem ganzen Geschrei zum Trotz.

Das muss man sich bei allen weiteren Theater-Vorführungen in Washington in den kommenden Monaten stets gut vor Augen halten.

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Nina November 15, 2012 at 21:19

Hallo Markus, es gibt auch andere Impulse:

“Machtdemonstration aus Moskau”
Der Rohstoffkonzern Gazprom will den europäischen Gasmarkt mit dem Start der Milliardenpipeline South Stream dominieren. Das Rohstoff-Drama droht mit einem Debakel für Brüssel zu enden: Nach SZ-Informationen prüft der deutsche Energiekonzern RWE nun seinen Rückzug aus Westeuropas Pipeline-Projekt Nabucco, mit dem die Abhängigkeit von Moskau verringert werden sollte.
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/energiekonzern-gazprom-machtdemonstration-aus-moskau-1.1523524

Energiefragen waren schon immer Machtfragen.
Die Frage ist nur, wie man die Macht einsetzt. Kooperation oder Konfrontation.
BP hat auch seine Schlüsse gezogen.
Das fördern in fremden Regionen, ohne strategische Partnerschaftsverträge, kann in speziellen Fällen viel Geld kosten.
Das Gegenstück:
BP-Rosneft, Gazprom-Eni-BASF-EdF-Shell.

Alle Jelzin-Verträge sind diebezüglich Makulatur.

Die EU-Kommisare reagieren konfus im Stunden- oder Tagestakt.

Einige EU-Unternehmen sehen da schon klarer.

Russland und China planen langfristig.
Hier ist noch einiges zu erwarten.

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Raus aus Deutschland November 16, 2012 at 18:59

Zitat: Russland und China planen langfristig. Hier ist noch einiges zu erwarten.

ALLE erfolgreichen Menschen planen langfristig! Die Dummen sind diejenigen welche nur von “der Hand in den Mund” leben also nur heute planen.

Wir leben in einer Zeit der Polarisierung!
Das bedeutet JEDER muss sich entscheiden ob er zu denen gehören will die sich Geistig sich fortentwickeln ODER auf dem Stand bleiben und nur kurzfristig planen.

Jetzt eine ELITE für alles schlechte verantwortlich machen ist sicher nicht hilfreich!

Auch die Elite besteht aus Menschen die das Gute wollen und anderen die nur gierig sind und möglichst viel Macht an sich reissen wollen.
Allerdings sind wir an einem Punkt wo der gesamte Planet zerstört werden kann wenn die negativen Kräfte überwiegen.

Putin ist sehr clever und vertritt unbeirrt die Interessen von Russland. Das bedeutet ABER auch, das er mit den Mächtigen zusammen arbeitet,
genau so wie China. Das System der westlichen Banken ist so erfolgreich, das auch China und Russland davon profitieren.
Daher sehe ich KEINE wirklichen Widerstände in der Zukunft.

In China verdient ein Facharbeiter rund 200Euro und in Deutschland rund 3.000Euro. Im Zuge der Globalisierung wird sich das “nivellieren”.
Auf der anderen Seite verdient eine gute Sekretärin in Singapore ca. 1.000Euro im Monat. Diese Gehälter werden sich weltweit anpassen.
So nebenbei, eine Philippinin die in Singapore arbeitet als Hausmädchen verdient ca. 400Euro.

JEDER der offenen Geistes ist kann sich auf das kommende (kurze) Chaos vorbereiten ABER danach wird es wieder aufwärts gehen.

Allerdings unflexible Menschen die nur “dumm herum quatschen, nörgeln aber nichts bewegen” sind Dinosaurier. Die werden entsorgt werden!
Das schliesst ausdrücklich Milchbauern in Deutschland ein, die Milch nach Asien exportieren wollen ABER in der Realität nichts auf die Beine bringen.
Diese “Quatschköpfe” sind das wirkliche Problem in Deutschland denn sie denken nur negativ und verkennen welche Chance ein Chaos bietet. VOLATILE Zeiten sind gute Zeiten für die Menschen welche sich vorbereitet haben!!!

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Martin Schweiger November 15, 2012 at 23:56

lieber Herr Gärtner, ich glaube Sie haben Recht zum “Fiskalcliff”: so viel Geld ist das nun auch wieder nicht.

Zum Größenvergleich: mit 600 Mia US$ könnte man etwa gerade einmal 85% der in Streubesitz befindlichen Aktien der dem DAX angehörigen börsennotierten deutschen Unternehmen kaufen, im Vergleich zu den an den US-Börsen notierten Unternehmen ein Witz, denn das sind nur die 30 größten Unternehmen.

Dieselbe Summe steckte die FED erfolgreich in weniger als drei Wochen im Januar 2008 über die Wall Street in die amerikanischen Börsen, als diese begonnen haben, erheblich einzukrachen.

Das dürfte der FED dieses Mal wieder gelingen, wenn es so weit sein sollte. Derzeit kauft diese alleine 40 Mia US$ pro Woche an Schrotthypotheken auf, um den US-Immobilienmarkt zu stützen.

Was spricht z.B. dagegen, wenn sich die Gesellschafterbanken der FED zusammentun, um von ihnen neu erworbene Aktienpakte als Sicherheiten gegen Ausschüttungen ihrer eigenen Bank zu hinterlegen?

Zumindest um die Aktienkurse brauchen wir uns also keine Sorgen machen.

Und da ist noch viel Luft: Spaniens Banken machen es vor, die EZB nimmt mittlerweile sogar gebündelte Autokredite als Sicherheiten für Ausleihungen.

Ob sich dadurch aber das Finanzfundament der USA verbessert, wage ich zu bezweifeln. Eher im Gegenteil, wie man bald an der Bilanzsumme der FED ablesen kann, die – im Gegensatz zu Menge des umlaufenden US$ – komischerweise immer noch veröffentlicht wird.

Wir leben in spannenden Zeiten. Schade, daß man die Zeitlupe nicht ausschalten kann,

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Theo Kannt December 9, 2012 at 07:29

Hallo Gärtner,

Sie halten also einen Rückgang des Defizits von 7 auf 4 Prozent innerhalb eines Jahres für einen Treppenwitz? Haben Sie mal die Griechen darüber befragt? Dort ist etwas Ähnliches geplant (Defizit 2012: 7,5 %; 2013: 4,6 % lt. IWF). Wir Unwissenden haben ja nur die Nachrichten als Informationsquelle. Aber wenn man Tagesschau & Co. zu glauben kann, dann erhitzt ein solcher “Treppenwitz” doch ganz heftig die Gemüter…
Aber Sie haben natürlich Recht, vielleicht ist es ganz hilfreich, wenn “man” (in diesem Fall die USA) so etwas auch am eigenen Leib erfährt. In diesem Zusammenhang noch eine Frage: Haben Sie eigentlich schon die Übersiedlung von Vancouver (CAN) nach, sagen wir, Seattle (USA) geplant? Dann könnten Sie uns aus erster Hand berichten, wie die Sache weitergeht. Bin nämlich schon mächtig gespannt auf die Pointe dieses Witzes.

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markusgaertner December 10, 2012 at 04:01

Kein Umzug geplant, jedenfalls vorerst nicht. Helfen Sie mir doch mal auf die Sprünge: Wie kommen wir aus diesem Schlamassel am besten wieder raus ? Mit Geldentwertung ? Mit Schuldenschnitt ? Mit Wachstum ? Dafür bräuchten wir so viel BIP-Zuwachs, dass dieser Planet endgültig zerstört würde. Selbst wenn das nicht drohen würde, könnten wir meines Erachtens nicht so viel Wachstum wie nötig mobilisieren. Wir haben im Westen nicht mehr die Reserven, die große Schwellenländer haben: Reserven in der Urbanisierung, Nachholbedarf beim Lebensstandard, junge Gesellschaften, mehr Bildung etc. Daher sehe ich – Geldentwertung und Schuldenschnitt ausgeklammert – keinen Weg der Besserung verspricht, außer Sparen. Das kann man übrigens im Spagat erledigen: Fiskalisch sparen, durch Geldpolitik die Effekte dämpfen. Natürlich gehört meine Sympathie allen, die darunter leiden, das habe ich am Beispiel der Griechen oft genug hier bekundet. Aber ohne große Schmerzen führt kein Weg aus diesem Jammertal. Noch mehr Schulden machen, in der Hoffnung dass späteres Wachstums groß genug ist den Schuldenberg relativ zu verringern, ist in meinen Augen nicht tragfähig, erstens wegen sieben Mrd. Menschen und Klimawandel, zweitens weil die Chance nicht da ist, so viele Zuwächse wirklich zu erzielen. Technische Durchbrüche ? Mit welchen Forschungen und Entwicklungen, wenn die Boni-Kultur die Ausschüttungen aufbläht, zu Lasten langfristig fruchtbarer Investitionen ? Im Klartext: Um Grausamkeiten kommen wir nicht herum. Je später sie kommen, desto schlimmer werden sie aber. Und – man sollte jene schimpfen, die uns durch jahrzehntelanges Schuldenmachen in unserer missliche Lage manövriert haben, nicht jene, die die “schlimmen” Fragen stellen oder Empfehlungen aussprechen. Was meinen Sie ? Viele Grüße

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