Weltwirtschaft im Stenogramm: Die No. 1 am “Kliff”, die Chinesen im Reformstau, Japan im freien Fall

by markusgaertner on 16/11/2012 · 5 comments

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In Europa macht sich die Rezession breit, erste Publikationen berichten, dass der “Kern schmilzt.” In den USA wird es heute Ernst mit den Verhandlungen für das dringend benötigte Sparpaket, der erste Gipfel im Weißen Haus steht an.

Noch 46 Tage bis zum Berüchtigten “Kliff”, das alle nervös macht (siehe vorausgegangener Blog-Eintrag). In China reduziert derweil die neue KP-Führung den Ständigen Ausschuss im Politbüro von neun auf sieben Mitglieder und  bringt die Hardliner ans Ruder.

Gemeinsam haben die Eurozone, die USA und China, dass ihre politischen Kasten sich enorm schwer tun, mit ihren drängendsten Problemen fertig zu werden. Das ist nicht neu, aber es wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen. Angela Merkels Prognose von 5 Jahren erscheint konservativ.

Was derzeit verdächtig hinten runterfällt in der Gesamtanalyse, ist Japan. Das ist immerhin die No. 3 nach den USA und China. Und dort sieht es inzwischen richtig beängstigend aus.

Diese Woche haben wir gelesen, dass Japans BIP im dritten Quartal 3,5% schrumpfte. So ziemlich alles scheint in dem Inselstaat zu schrumpfen, außer den Schulden. Das Land sieht sich jetzt mit der 5. Rezession in 15 Jahren konfrontiert, falls auch im laufenden Vierteljahr ein Minuszeichen vor der BIP-Rechnung steht. Und danach sieht es leider aus.

Premier Noda hat gewarnt, die Situation sei “ernst”, die Regierung verstehe die Herausforderung als “Krise.” Im Grunde kann man die vergangenen 23 Jahre so bezeichnen. Heute soll das Unterhaus aufgelöst werden, um den Weg für Wahlen am 16. Dezember frei zu machen. Nodas Demokraten dürften dann abgewählt werden.

Der Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Leistung von Juli bis September war der siebte seit dem Kollaps von Lehman Brothers im September 2008. Diesmal scheint die Krise noch etwas ernster zu sein, denn das schrumpfende BIP wird erstmals seit 1985 von einem Defizit in der Leistungsbilanz begleitet. Auch die Handelsbilanz ist ins Minus abgerutscht.

Im August und September wiesen acht von neun Exportkategorien im Jahresvergleich einen Rückgang aus. Zudem fielen die Investitionen der Firmen um 3,2%. Das war der schärfste Rückgang seit dem Einbruch um 5,5% im Juni-Quartal 2009.

Japans führende Konzerne bekommen diese Erosion schmerzhaft zu spüren. Wir haben an dieser Stelle schon vor ein paar Tagen über die herben Gewinneinbrüche der großen Elektronik-Unternehmen aus Nippon berichtet.

Der Elektronik-Riese Sharp zum Beispiel, von dem der Bildschirm mit meinem Bloomberg-Monitor stammt, gab Anfang dieses Monats eine Meldung heraus, in der “erhebliche Zweifel” geäußert wurden, dass das Unternehmen nach zwei Jahren mit Rekordverlusten in jetziger Form weiter bestehen kann.

Sharp musste auf seine eigene Zentrale eine Hypothek aufnehmen und es verkauft Fabriken in Übersee. Dazu werden erstmals seit 1950 Stellen gestrichen und Löhne gekürzt. Panasonic hat zwei Mal hintereinander einen Verlust von 10 Milliarden Dollar ausgewiesen. Sony wurde von Moody´s bis kurz vor Junk-Status abgestuft.

Alle drei Firmen leiden unter erheblichen Einbrüchen im Geschäft wegen des Preisverfalls für Flachbildschirme, und weil der starke Yen ihre Exporte verteuert. Zudem setzen den Japanern immer stärker Konkurrenten aus Billig-Ländern zu.

Der Nikkei hat seit dem Platzen der Blase am Immobilienmarkt 1990 von 39.000 auf unter 9.000 Punkte abgebaut. Seit dem Kollaps wird Japans Wirtschaft mit billigem Geld geflutet. Geholfen hat es nichts, außer Zeit zu gewinnen. Im vorigen Jahr – 2011 – erreichte Japans BIP 537 Billionen Yen, so viel wie 2005. Inflationsbereinigt ist die Inselwirtschaft jetzt so groß, wie sie 1993 war.

In dieser Phase, die das Wall Street Journal “Japan´s Happy Decline” nennt, schwinden Exporte, privater Konsum und Investitionen im Gleichschritt. Die Schwäche der heimischen Märkte und Verbraucher treibt immer mehr Inselfirmen ins Ausland. Die Summe der Auslandsinvestitionen wächst beachtlich an. Die Steuereinnahmen daheim leiden, die Misere verschärft sich.

Derzeit hält lediglich öffentlicher Konsum der Regierung die Wirtschaft vor einer unkontrollierten Implosion ab. Aber der Regierung gehen “die zerbrochenen Fenster aus”, wie das WSJ den Umstand beschreibt, dass der Wiederaufbau nach dem schweren Erdbeben vom vergangenen Jahr bereits auf Hochtouren läuft.

Aber auch das Geld kann nicht ewig fließen, die öffentliche Schuld hat mit 240% des BIP mehr als die Gesamtleistung von zwei Jahren erreicht.Japan verdiente mit seinen internationalen Investitionen im vergangenen Jahr laut dem WSJ 176 Milliarden Dollar. Die Netto-Anlagen, die diesen Rückfluss erwirtschaften, sind mit umgerechnet 3.100 Milliarden Dollar weitaus als vergleichbare internationale Investitionen anderer Länder. Und sie wachsen zügig weiter.

Jüngste Beispiele sind das 20-Mrd.-Gebot der Softbank für Sprint und die Übernahme von zwei Geschäftssparten bei Dole Foods durch Itochu für 1,7 Mrd. im September.

Zuhause, in Japan, sind oft überkapazitäre und in vielen Fällen unprofitable Fertigungs-Kapazitäten geblieben. Öffentliche Aufträge erwecken oft nur den Eindruck, dass es genügend Nachfrage gibt. Ein weiteres Beispiel für Europa und die USA, die erst ganz am Anfang dieser schier endlosen Aufarbeitung ihres Schulden-Schlamassels stehen, liefert auch Japans Politik.

Die ewig selben Machtkämpfe – und eine wogende Korruption – wecken kaum Hoffnungen, dass das Blatt entscheidend gewendet werden könnte. Unabhängige Buchprüfer haben kürzlich laut dem WSJ entdeckt, dass ein Viertel jener 240 Mrd. Dollar, die für den Wiederaufbau nach der Tsunami vorgesehen waren, nicht in die vorgesehenen Kanäle gelangten.

Stattdessen wurden zum Beispiel Straßen in Okinawa 1.600 km von der Erdbeben-Zone entfernt gebaut, eine PR-Kampagne für Japans höchstes Gebäude finanziert, Subventionen für eine Kontaktlinsen-Fabrikation ausgezahlt, Japans Walfänger unterstützt und der Verkauf von Nuklear-Technik an Vietnam subventioniert.

Etwa die Hälfte des Rekonstruktions-Fonds wurde noch nicht ausgegeben, weil es Streit über die Maßnahmen für den Wiederaufbau gibt. Satte 18 Monate nach dem Desaster haben 300.000 Opfer noch kein neues Zuhause gefunden.

Es unterscheiden sich lediglich die Namen. In den USA ist es das Kliff, in der Eurozone der Dauer-Buhmann Griechenland. Entschieden und vehement vorangetrieben wird hier ebenfalls kaum etwas. Lösungen sind weit entfernt. Schulden nehmen zu. Die Wut von Bürgern auch.

Und die Firmen beschleunigen angesichts schwacher Verbrauchermärkte in Europa und den USA ihre Expansion in den großen Schwellenmärkten, wo trotz einer spürbaren Delle – vielleicht sogar einem ernsten Einbruch – die langfristigen Wachstums-Perspektiven intakt bleiben.

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Johannes November 16, 2012 at 07:10

In der Vergangenheit war die wirtschalftliche Entwicklung Japans ein vorlaufender Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands (aufgrund des ähnlichen Geschäftmodells namens Export) . An der Entwicklung in Japan konnte recht zuverlässig prognostiziert werden, wie es wenige Monate später in Deutschland laufen würde.

Sofern der o.g. Zusammenhang noch zutrifft (wovon ich ausgehe) wird es auch in Deutschland wirtschaftich berg ab gehen, wobei ich eine negative Handelsbilanz – wie Japan sie jetzt zeigt – für uns (noch) nicht in naher Zukunft erwarte.

Wer weiß, vielleicht “schlüpfen” wir dann auch unter den Rettungsschirm ESM und machen es wie Spanien: Denken über einen “virtuellen” ESM Kredit nach und machen so den Weg für die EZB frei, Deutsche Staatsanleihen aufzukaufen.
Siehe:
http://uhupardo.wordpress.com/2012/10/16/rajoy-will-kredit-statt-rettung/

Mit dem so “eingenommenen” frischen Geld wiederrum kaufen wir dann ESM Anleihen um die anderen Euro-Länder zu “retten”

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Grinario November 16, 2012 at 07:30

“Mit dem so “eingenommenen” frischen Geld wiederrum kaufen wir dann ESM Anleihen um die anderen Euro-Länder zu “retten” ”

Das Schlimme ist, dass sehr viele Menschen in Old Germany die zu Grunde liegende Ironie gar nicht erkennen würden, würden sie das lesen. Im Grunde hätten Sie noch den Hinweis “Ironie an”/”Ironie aus” geben müssen.
Aber so stellen es sich die Politiker im Grunde vor. Damit müssen sie keine unangenehmen Wahrheiten verkünden, können weiter Geld verteilen und der Euro wird “gerettet”. Jedem, der sich damit beschäftigt, ist klar, dass dieses gedruckte Rettungsgeld immer weniger wert sein wird. Die Auswirkungen auf die Lebensverhältnisse in der Eurozone werden mit einer immer schwächer werdenden Währung immer erheblicher (Importe werden teurer).

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Johannes November 16, 2012 at 11:06

Ja, da haben Sie wohl recht – werde das nächste Mal dran denken ;.)

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Hardy November 16, 2012 at 08:04

Zum Link:
Ich behaupte einfach mal, dass der Autor Sinn und Zweck dieser Aktion überhaupt nicht verstanden hat. Dabei ist es doch ganz einfach: Mit diesem virtuellen Kredit schafft man Erpressungspotential für Bond-Käufer; da es nun eine Alternative zur üblichen Versteigerung von Staatsanleihen kommt – Spanien könnte (!) ja den virtuellen Kredit ziehen – kann man elegant die Zinsen drücken. Ähnliche Wirkung hätte übrigens die Vorgabe eines expliziten/impliziten Höchstzinses der betroffenen Länder durch die EZB. Die Investoren wissen dann: Oberhalb eines Zinses i kauft die EZB die Staatsanleihen und der Gewinn für die Banken ist Null (sie geben die Anleihen ja eh’ direkt als Sicherheit an die EZB weiter). So kann die EZB den Zins sehr genau steuern.
Und, ja: Rajoy geht es vor allem um die Ehre; darum, keine Bedingungen für sich und sein ach so stolzes Volk diktiert zu bekommen. Ändert aber nichts an den volkswirtschaftlichen Tatsachen.

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Andreas Ludwig November 16, 2012 at 19:22

Um weiter bei Technologiefirmen zu bleiben. Für HP haben wir im April 70.000 Broschuren produziert. Diese werden beim Verkauf mit Garantiekarte zu den Druckern gelegt. Insgesamt wäre das die Produktion für ein Quartal gewesen. Bedeutet 280.000 Drucker im Jahr. Plus minus 500 Stück. Wir müssen den Bestand selbst abrufen und auffüllen. Stand heute sind noch 40.000 Broschuren auf Lager von der Lieferung April.
Was das bedeutet, kann jeder für sich selbst ausrechnen…..

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