Weihnachtsbesuch in der schönen alten Welt

by markusgaertner on 25/12/2012 · 13 comments

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Meine Familie hat zu Weihnachten ihr Bestes gegeben, um die Dümpelkonjunktur in Nordamerika anzuschieben. Meine Frau hat mir heute früh auf der neuen Kaffee-Maschine, auf der sie vergnügt sofort alle Knöpfe ausprobierte, erfolgreich einen French Vanilla gebraut. Es hätte auch ein Double Santa Claus-Zombie-Cappuccino werden können. – Denn der Rundgang durch die Zeitungen am ersten Feiertag ist alles andere als friedlich.

Unruhen in Indien und Argentinien, Rösler will Tafelsilber verscherbeln, der eitle Monti will, dass Italien ihn wieder ruft, die Banken schrauben die Zinsspanne zu ihren Gunsten immer weiter in die Höhe. Die Konsumenten in Europa und den USA verlieren ihren Mut, der IWF und die EU sehen nur Tage nach der jüngsten Kredit-Tranche Griechenlands Wille zur Steuer-Eintreibung erschlaffen. In Japan eskaliert der Wahlsieger Shinzo Abe die geldpolitischen Auswüchse, indem er die Notenbank schroff an die Kandarre nimmt (QE mit Nachbrenner).

Und in einer Analyse der Boston Consulting Group wird die Lage der schulden-geplagten Industrieländern vom Autor Daniel Stelter mit einem großen Betrugs-Schema verglichen:

It may seem harsh or exaggerated to liken the current troubles of the developed economies to a Ponzi scheme. I do so deliberately to emphasize the scope and seriousness of the problem. Nearly five years after the financial crisis, the leaders of the developed world are far too complacent. Politicians and central bankers have continued to “kick the can down the road,” pursuing policies designed to postpone the day of reckoning and avoid telling the public the truth: that a sizable part of the debt will not be paid back in an orderly way.

Ein Spaziergang durch den Blätterwald an diesem Weihnachtsfest zeigt vor allem eins: Während wir wie verlorene Astronauten im All durch die neue hässliche neue Welt von Korruption, Bürger-Entmündigung und destabilisierendem Billig-Geld treiben, zeigt sich, dass unser Denken und Handeln – vor allem das unserer Eliten – nie die alte Welt verlassen haben.

Wo sollen wir anfangen ? Es ist eigentlich ganz egal. Vielleicht reicht ein weiteres Beispiel, die USA: Dort sehen wir, während die Kühlerhaube schon auf das Kliff trifft, dass sich in Washington rein gar nichts geändert hat.

Seit Monaten wird uns dargelegt, wie gefährlich und rezessions-treibend das drohende Kliff sein wird. Doch nach dem Desaster, das die Republikaner am Donnerstag im Repräsentantenhaus mit ihrer gescheiterten „Plan-B“-Abstimmung anzettelten, hat sich die Nation apathisch ins Weihnachtsfest verabschiedet. Der Kongress macht Ferien, statt Verhandlungen zu führen und eine erneute Rezession zu vermeiden.

Obama räkelt sich am Strand in Haiwaii. Im Staate New York hat ein weiterer Waffen-Narr mit einer Brandstiftung Feuerwehrleute angelock und zwei von ihnen erschossen. Seit dem Massaker von Newtown gab es laut der Huffington Post in den USA über 100 Schießereien mit tödlichem Ausgang. Und was macht die Waffen-Lobby ? Sie ruft nach gezielter Aufrüstung.

Nach der heutigen schießwütigen Bluttat müssen laut der Logik der National Rifles Association jetzt auch alle Feuerwehrleute bewaffnet werden. Wir wollen ja keine schusswaffenfreien Räume, wegen der befürchteten Übergriffe.

Und was machen unsere lieben Amerikaner aus dem anhaltenden Blutrausch ? Sie sammeln fleißig Unterschriften – 48.000 bisher – um den einzigen Mann, der die Eier hatte, die US-Waffen-Lobbyisten im Fernsehen als das zu bezeichnen, was sie sind – nämlich Idioten – aus den USA auszuweisen. Es geht um Piers Morgan auf CNN.

Das eigentlich Beunruhigende ist aber etwas anderes. Unsere Eliten haben völlig die Bodenhaftung verloren. Das große Geld hatte im Wahlkampf in den USA auf den falschen Kandidaten gesetzt, hatte Obama falsch eingeschätzt. Das große Geld hat uns lange Zeit auch gesagt, ein Fall über das Kliff sei nicht möglich, Vernunft werde irgendwann einkehren. Jetzt haben wir aber den Salat.

Und die große Politik macht es auch nicht besser. Obama hat bei den Verhandlungen – die den Namen gar nicht verdienen – den Widerstand seiner eigenen Demokraten gegen Einsparungen im Sozialhaushalt unterschätzt. Und John Boehner, der Sprecher des Repräsentantenhauses, war nicht einmal in der Lage, die Stimmung an seiner Fraktions-Basis zu lesen. Deshalb fiel sein Plan B so erbärmlich durch. Der Finanz-Blogger Phil Davis hat das so zusammen gefasst:

Amazingly, stunningly, unbelievably, a supposed veteran politician like John Boehner can’t even do something as simple as count the votes in his own base before he attempts to pull a power play and now that his own party has rejected his idiotic grandstanding „Plan B“ – the markets have been thrown into turmoil, dropping as much as 2% last night and still down 1.25% in the Futures (7am). The only good news is Boehner may have just cost himself the speakership for 2013 but the bad news there is there are much stupider people vying to replace him.

Kein Wunder, dass sich US-Abgeordnete inzwischen vorhalten lassen müssen, dass sie Vandalen sind, und keine Gesetzgeber:

As Andrew Sullivan wrote yesterday, a word I re-used on television last night, they are vandals. They aren’t legislators. They have nothing to contribute to the polity at all. All they want to do is destroy–the federal government; Barack Obama; the national economy as long as Obama is president might gain from good economic news. That is an agenda of destruction; of vandalism quite literally. This should be manifestly clear this morning even to the most monastic heirs of David Broder.

Selbst der frühere zweite Mann in der Fed und heutige Princeton-Professor Alan Blinder bezeichnet die Abgeordneten inzwischen als „Clowns.

Die gute Nachricht ist: Diese Clowns sind noch in den Ferien und können für ein paar Tage keinen größeren Schaden anrichten. Die schlechte Nachricht: Der Scherbenhaufen, auf dem sie ihre eitlen Spiele treiben, ist über Weihnachten nicht verschwunden.


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