Wenn die Reifen abfallen – in der Krise kommt ein politischer Boxenstopp

by markusgaertner on 01/07/2013 · 18 comments

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Ich war zwei Tage in der kanadischen Wildnis und muss mich erst wieder einlesen. Meine Angst vor Bären habe ich nach Jahren abgelegt. Die Viecher wollen uns auch vermeiden und sind ganz friedlich, wenn man sie nicht überrascht.

Warum nicht ? Wir sind ja auch alle ganz friedlich, obwohl wir andauernd überrascht werden. Und zwar negativ: Von neuen Späh-Angriffen, von Kehrtwendungen der Notenbanken, von Kurs-Kapriolen oder „unerwarteten“ Konjunktur-Daten.

Jedes Mal müssen wir uns wieder eingestehen, dass wir Schlimmeres doch nicht erwartet hatten. Und bumms, sind wir erneut geprellt.

Die erste Meldung, die der Bildschirm am Sonntag Abend auf der Suche nach Wirtschafts-News vor mir aufblätterte, war ein Bericht zum Formel-1-Rennen, dem British Grand Prix. Der „Große Preis“ war diesmal, so scheint es, ein schlimmes Reifen-Chaos, bei dem Lewis Hamilton, Felipe Massa, Jean-Eric Vergne und Sergio Perez jeweils ein Reifen platzte. Und nicht nur irgendein Reifen: Es war in jedem Fall der linke hintere Reifen. – Und in allen Fällen waren es Renn-Schlappen von Pirelli.

Es wäre unfair, aus diesem Sachverhalt Sabotage abzuleiten, oder auch nur einen leisen Hinweis darüber, wie die Dinge in Italien stehen. Natürlich nicht gerade begeisternd, wie wir wissen: Schwache Wirtschaft, 2.100 Mrd. Euro Schulden, Haushaltslöcher, der zu sieben Jahren verurteilte Boss eines Partners in der Koalition, eine weitere Partei, die sich aus der regierenden Koalition verabschiedet hat.

Da lösen sich also auch an einigen Rädern die Reifen ab.

Und so, wie ein Bolide mit zerfetztem Hinterreifen an die Box rollen muss, so sehen wir jetzt wohl nahende Boxenstops für das große Rennen gegen die Schulden-Übermacht in Europa.

In Frankreich sehen wir Marine Le Pen von der Front National triumphieren. Sie will mit der Geld-Union die existierende Ordnung in Europa aufbrechen, den Euro rausschmeißen wie einen kaputten Reifen.

Ihre Partei hat in der jüngsten Nachwahl vor einer Woche 46% gewonnen, als der Front National-Kandidat den Sozialistischen Gegenkandidaten in dessen Hochburg Villeneuve-sur-Lot in Grund und Boden stampfte.

„The euro ceases to exist the moment that France leaves, and that is our incredible strength. What are they going to do, send in tanks?“, sagte Le Pen dem Telegraph in einem Interview. Es wird noch eine Weile dauern, bis in Frankreich die nächsten Wahlen sind. Hollande hätte theoretisch noch Zeit, um aus seinem Umfrage-Tief heraus zu kommen. Doch danach sieht es nicht aus.

Mehr noch: Zum ersten Mal liegt die Front National mit den beiden Parteien, die Frankreich seit dem Zweiten Weltkrieg regierten, gleichauf: Sozialisten, Gaullisten und die Front liegen bei jeweils 21% auf einer Höhe.

Das kann man über die Alternative für Deutschland im Vergleich zu SPD und CDU zwar nicht sagen. Aber auch hier besteht jetzt zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl eine echte Alternative für deutsche Wähler, direkt und bewusst gegen das Projekt Euro zu stimmen.

Das wird die Welt, wie wir sie kennen, im September zwar nicht aus den Angeln heben. Aber wir werden einen Hinweis bekommen, wie sehr inzwischen das Euro-Projekt und die Eurozone mit ihren Institutionen abgelehnt werden.

Dass Angela Merkel mit zerfetzten Reifen in die Boxen schleichen muss, erwartet kaum jemand. Aber vielleicht fliegt ihr das ein oder andere Gummi-Teil scharf um die Ohren. Und so, wie Pirelli nun unter Druck der Formel-1-Gemeinde gerät, so könnte sich auch Angela Merkel schon in drei Monaten nach neuen Strategen oder Kampagnen-Direktoren umsehen.

Dass dabei neue Autos, oder gar eine neue Sportart herauskommt, ist nicht zu erwarten. Aber denkbar wäre ein neues Verhältnis zu den Wählern, die lange genug das Gefühl hatten, in Berlin nicht mehr gehört zu werden.

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