Krisensplitter – Beethoven und das verlorene Koordinatensystem der USA

by markusgaertner on 02/07/2013 · 15 comments

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In der Finanzwelt stechen die Interessen der Gläubiger alle anderen aus. In der Politik ist das Gegenstück zu diesem Trumpf-Ass der Kampf gegen den Terrorismus. Dass unsere demokratischen Systeme massiv unter diesem Mantra leiden, das haben wir jetzt quasi schriftlich.

Das geheime Gericht, das in den USA Späh-Kampagnen genehmigt – und schlichtweg alles als “vertraulich” oder höher einstuft – hat jetzt eine seltene Ausnahme gemacht. Auf Drängen von Yahoo ließen die FISA-Richter erkennen, dass der Internet-Riese jenes Unternehmen war, das sich 2008 gegen Spähversuche gerichtlich zur Wehr setzte.

Yahoo verwies demnach in seiner Argumentation darauf, dass ein Späh-Feldzug ohne richterliche Anweisung gegen die US-Verfassung verstößt. Die Schlapphut-Richter entschieden gegen Yahoo (und die Verfassung) mit folgender Begründung, die in der Entscheidung von damals enthalten ist, wonach “Versuche, die nationale Sicherheit zu schützen, nicht von den Gerichten vereitelt werden sollten.”

Aha. Im Klartext: Die Regierung definiert, was der nationalen Sicherheit dient, und fortan ist jede Tätigkeit auf diesem Gebiet jeglicher demokratischen Kontrolle entzogen. Basta. Auch die Richter haben sich gefälligst raus zu halten. Den Rest der demokratischen Institutionen – und die Öffentlichkeit – kann man ja im Dunkeln halten.

Kein Wunder, dass der öffentliche Aufschrei wegen der unlegitimierten Schnüffelei gegen die gesamte Bevölkerung – und selbst die Verbündeten – nach Tagen entlarvenden Schweigens in Berlin und anderswo in Europa, langsam doch zu Reaktionen führt, auch wenn sie ziemlich halbherzig wirken.

So weit haben es die Terroristen – die angeblich ausgeschaltet sind – gebracht: In ihrem Namen agieren westliche Regierungen zunehmend gegen die eigene Bevölkerung und nehmen ihr Freiheiten, die ihr die Islamisten nie hätten nehmen können.

In keinem anderen Zusammenhang als diesem wurde die Verlogenheit der Regierung Obama so deutlich wie hier: Washington erklärt das Wirken von Hackern zu einem Akt des Krieges, dann hackt es gegen die eigenen Verbündeten in der NATO. Wie verrückt ist diese Welt geworden ?

Die einen gehen zu weit, die anderen sind zu optimistisch.

Die Prognosen der Fed sind zu rosig, schimpft zum Auftakt der Woche der CEO des Fonds-Giganten Pimco, Mohamed El-Erian. El-Erian erinnert die Medien und die Massen daran, dass die Fed für 2013 ein BIP-Wachstum von 2,3 bis 2,6% erwartet, für 2014 sogar 3,0 bis 3,5%. Wie soll das gehen, wenn das US-BIP im ersten Quartal lediglich 1,8% zulegen konnte und jetzt erst die Bremsspuren der seit 1. März geltenden Zwangseinsparungen sichtbar werden ?

Die einzig gute Nachricht an diesem Befund ist: Die Fed wird viel langsamer aus ihrer Geldvermehrung aussteigen als die verstörten und entsetzten Märkte fürchten, selbst in der Erholung, die wir seit ein paar Tagen nach den jüngsten Turbulenzen sehen.

Noch pessimistischer ist einer, der so ziemlich alles sagen würde, bloß um Barack Obama zu schaden. Immo-Mogul Donald Trump sieht die USA wirtschaftlich zur Hölle gehen. Das Land habe zahlreiche Probleme, die es zu einer traurigen Existenz verdammten. Die mögliche Rettung: Donald Trump. Wenn wir uns diverse “Erfolgs”-Geschichten des Baulöwen anschauen, haben wir da ernste Zweifel.

Die Wall Street stört so etwas nicht. Sie folgt eigenen Gesetzen – und Betrachtungen der Realität. Und die scheint doch rosiger zu sein, als wir es hier zu erkennen vermögen. Der Beweis: Für 438 Mio. Dollar kauft die Ober-Heuschrecke Kohlberg die Piano-Ikone Steinway in Queens, deren Börsen-Symbol LVB von Ludwig van Beethoven inspiriert wurde.

Das Geschehen rund um diese News sagt eigentlich alles über die Welt des Kapitals in den USA. Die LVB-Aktie sprang am Montag 16%. Und die Finanz-Agentur Bloomberg machte aus dem lieben “van” einen “von” Beethoven. Vielleicht haben die an den ein oder anderen deutschen Blaublüter gedacht, der tatsächlich ein “von” war.

Ansonsten sieht es in den USA wirklich ganz rosig aus, wenn man den jüngsten Meldungen der Regierung Glauben schenkt. Die Industrie-Produktion nahm im Juni wieder zu. Das Institute for Supply Management (ISM) meldet einen Anstieg seines entsprechenden Index auf ein 3-Monatshoch bei 50,9 im vergangenen Monat.

Und die S&P 500-Firmen müssen sich über einen Infarkt der Volkswirtschaften in den großen Schwellenländern keine Sorgen machen, erklärt uns der Business Insider. Demnach stammen lediglich 5% der Verkaufserlöse von S&P 500-Firmen aus den Schwellenländern, heißt es unter Berufung auf Zahlen des Bureau of Economic Analysis.

Es ist wirklich herrlich, dass das eine gute Nachricht sein soll. Ich sehe das genau anders herum. Es ist ein massives strategisches Versäumnis der Topfirmen in den USA, dass sie in der letzten Wachstumsregion dieser Welt nicht mehr Geschäfte machen. Aber solange die Jubelchöre der Wall Street ihren Nachbetern etwas anderes weißmachen, floriert die mühsam wiederbelebte Aktienrally in New York.

Wie beliebig mit Nachrichten auch bei der Notenbank umgegangen wird, das zeigt eine Rede von John Williams, dem Präsidenten der Fed-Zweigstelle in San Francisco. Auf der Fed-Webseite ist sie zu finden. Hier der Text im Vorspann:

“The U.S. economy is well into a period of sustained expansion, raising questions about when the Federal Reserve will cut back or end its stimulatory asset purchase program. Such moves will be appropriate at some point, but it’s still too early to act. The timing of any program adjustments will depend on incoming economic data. The following is adapted from a presentation by the president and CEO of the Federal Reserve Bank of San Francisco to the Sonoma County Economic Development Board in Rohnert Park, California, on June 28, 2013.”

Wenn die US-Konjunktur wirklich bereits ein gutes Stück in einer nachhaltigen Erholung hinter sich gebracht hat – wie Williams sagt – warum versucht er uns dann zu erklären, dass es für eine Drosselung des QE-Programms noch zu früh ist ? Ist dies vielleicht das erste deutliche Eingeständnis der US-Geldhüter – unter dem Eindruck der jüngsten Börsen-Tumulte – dass eine Kehrtwende in der ultra-lockeren Geldpolitik zu gefährlich ist ?

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