Bröckel-Börsen, kollabierende Regierungen und pulverisierte Perspektiven

by markusgaertner on 03/07/2013 · 10 comments

Red arrow breaking floor. Concept of bankruptcy, financial colla

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Die Amerikaner feiern am Donnerstag sich selbst (4th of July). Die Briten feiern Andy Murray (in Wimbledon). Die Snowden-Jäger jubeln, dass sich jetzt auch diplomatisch immune Flugzeuge vom Himmel holen lassen, mit Präsidenten an Bord, aber mit einem Vorwand auf österreichischen Boden gezwungen – ein dreister und terroristischer Akt,  der der ganzen Milchstraße den Atem verschlagen sollte.

Die Wall Street schaut wie immer weg. Strategische Brennpunkte wie Syrien, Nordkorea oder Ägypten interessieren nicht sonderlich. Die Fed steht ja mit den nächsten Geld-Kübeln bereit, trotz anders lautender Signale.

Wenn wir zur Wochenmitte den Ghostwritern der künstlichen Finanz-Realität lauschen – den Analysten – dann schaut die Welt nur auf diese Termine: Die EZB und die Bank of England (jetzt mit einem Kanadier an der Spitze) haben am Donnerstag wichtige Sitzungen. Und am Freitag kommt der Arbeitsmarktbericht in den USA. Dann werden 190.000 neue Jobs für den Juni gemeldet, sagen die Analysten vorher.

Für Erholungen nach einer Rezession – erst Recht einer Großen Rezession – ist das kläglich. Doch auch hier wurde die Latte vermutlich wieder etwas tiefer gelegt, damit die gemeldete Zahl besser aussieht.

Ich gebe den Gesundbetern in einem Punkt Recht: Die Arbeitsmarkt-Zahl am Freitag in den USA hat es in sich, weil sie sehr wohl die Kurs-Richtung am Aktienmarkt bis zum Ende des Jahres vorgeben könnte. Gibt es eine positive Überraschung, rückt wieder die Angst vor einer Drosselung der immensen QE-Geldwalze in den Vordergrund. – Enttäuschen jedoch die Arbeitsmarkt-Zahlen, feiert die Börse, dass das Team Bernanke wieder heftiger die Ruder bewegt.

Aber sind das wirklich die Dinge, die uns im Moment am meisten interessieren sollten ? Ich finde: NEIN. Es gibt eine andere Turbulenz, die mit den Aktienkursen wenig zu tun hat, die an der Börse, wo man weitere Kurseinbrüche fürchtet, sogar völlig unterschätzt wird.

Es ist die beschleunigte Erosion der Regierungen auf dieser Welt.

In Ägypten setzen die Generale den Präsidenten ab. In Syrien entsteht ein gefährliches Vakuum. In Portugal setzen sich immer mehr Minister aus dem Kabinett ab. In den USA gibt Barack Obama wieder einmal den großen Firmen nach und willigt ein, die neuen Eckpunkte der Gesundheitsreform erst ein Jahr später für die Arbeitgeber verbindlich werden zu lassen. In Brasilien hat sich Präsidentin Dilma Rousseff, die aus der Arbeiterbewegung kommt, verrannt und muss sich dem Druck der Straße beugen. Und in Japan hat die Regierung Abe sich auf dem Kasino-Tisch selbst verwettet.

Dagegen sieht das Kanzleramt in Berlin wie eine uneinnehmbare Festung aus, trotz nahender Bundestagswahl. (Oder gerade deswegen?)

Viele Regierungen auf der Welt sind jetzt nicht nur belagert durch ihre eigenen Schulden, und unter Druck der ständig wachsenden Industrie-Lobbies. Sie werden auch zunehmend von anderen Regierungen und internationalen Organisationen unter Druck gesetzt: Den bolivianischen Präsidenten zwingt man wie einen Teenager, der eine Cessna geklaut hat, in Europa zu Boden.

In Paris lastet die Entlassung der Umweltministerin auf der Regierung Hollande. In der Tschechischen Republik hat ein Betrugs- und Spähskandal Premier Petr Necas zum Rücktritt gezwungen.

Mehr noch: Den Regierungen in Portugal und Griechenland setzt die Troika die Pistole auf die Brust: “Stirb im Aufruhr Deiner eigenen Leute (bei Austerität), oder massakriere Deine eigene Volkswirtschaft durch weitere Schuldenaufnahme, wenn die Bondgeier die Zinsen in den Himmel katapultieren und Euch die Augen aushacken.”

Ganz klar: Europa meldet sich im Krisen-Konferenzraum zurück. In China ringt die Führung derweil zunehmend mit einem Schuldengau, der vor allem lokale Regierungen in der Provinz bedroht. In den Rohstoffländern brechen unterdessen die Exporteinnahmen weg und erzeugen dort politischen Druck ganz anderer Art. In den USA wird Obama weiter durch die Interessengruppen abgenagt. – Man könnte den US-Präsidenten dereinst in Geschichtsbüchern als Mumie darstellen, so mager ist er politisch geworden, und so bröselig – und so von den Lobby-Schergen eingewickelt.

In diesem globalen Meer der politischen Erosion wachsen nur noch die Rechnungen, die Wut der Bürger und die Schulden. Alles andere siecht dahin: Das Klima, die Perspektiven, die Moral – und der Traum vom möglichen Aufstieg. Sie alle werden pulverisiert.

Die Institutionen – von den Gewerkschaften über die Marktregulierer bis hin zu den Parlamenten – werden ausgehöhlt. Die Exekutiven wanken vielerorts, oder sind gleichgeschaltet. Die Schnüffler haben Hochkonjunktur.

Und plötzlich dreht sich das ganze Navigations-System auf den Kopf: Aus denen, die staatliche Kriminalität entlarven, sind “Verräter” geworden. Aus denen, die für mehr Demokratie, weniger Ungleichheit und besseren Schutz der Kontoeinlagen demonstrieren, macht man neuerdings Terroristen.

Erst sind wir dämliche Sparschweine, und im nächsten Augenblick eine Staatsgefahr. Das ist die letzte große “Karriere” auf diesem Planeten.

Das alles geht immer schneller, atemloser und bodenloser. Wie schrieb gestern hier im Diskussionsforum jemand so schön?: Wir beobachten einen “rasenden Stillstand.”

Doch wer im Stillstand rast, der schleift sich die Sohlen ab. Dann brennen die Füße. Und schließlich fällt man um.

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PS July 3, 2013 at 23:21

Sie haben in der Aufzählung den Putsch gegen die (korrupte) tschechische Regierung vergessen. Jetzt wird gerade eine nicht demokratisch legitimierte Technokratenregierung eingesetzt.

Und ich könnte wetten, dass Merkel im September über Snowden stolpert.

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markusgaertner July 4, 2013 at 03:39

DANKE. Das rundet das Bild ab. Viele Grüße

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Raus aus Deutschland July 4, 2013 at 00:15

Zitat: Doch wer im Stillstand rast, der schleift sich die Sohlen ab. Dann brennen die Füße. Und schließlich fällt man um.

Wenn einem die Situation über den Kopf schlägt. sollte man einen Schritt zurück treten und die Dinge etwas aus der Ferne sehen.
Dann wird das Gesamtbild klarer.

Das die EU Staaten “auf Zuruf” von den USA gehorchen ist duch den Zugriff auf die Präsidenmaschine sehr deutlich geworden.
Das die USA auch Geld brauchen ist bekannt? Sie werden es sich von ganz Europa genau so holen, wie sie die Präsidentenaschine aus
der Luft geholt haben.

Optimal würde es also für die USA laufen wenn Europa finanziell ausgeblutet wird und danach sich die Staaten gegenseitig bekriegen, denn
Krieg ist gut für Geschäft.

Es sollte doch JEDEM klar sein, das es um die Interessen des Kapitals geht und nicht um die Interessen einzelner Länder.
Eine starke EU ist doch garnicht im Interesse der USA denn diese würde zu einer Konkurrenz für die USA bzw. den US Dollarr werden.

Kann es nicht sein, das man die EU Staaten in den Euro bzw. Europa gebracht hat obwohl man genau wußte das dies nicht funktionieren würde?
Ein “vergifteter Kuss” bzw. ein vergiftetes Geschenk.

Wie geht es weiter?
Erkennt niemand eine Macht welcher von außerordentlicher Intelligenz und Stärke ist, welche langfristige Pläne durchführt von einer Genialität die nur
wenigen gegeben ist?

Es erinnert mich an General Ludendorff, eine interessante Persönlichkei!
https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Ludendorff
Eigentlich lustig, das man ihn schon damals als “Verschwörungstheoretiker” sah. Das Hitler ihn nicht mochte stimmt nicht. Er wollte ihn sogar zum Generalfeldmarschall
machen. Ludendorff war darüber so erzürnt, das er ausrief “ich lasse mich doch nicht von einem Gefreiten zum Generalfeldmarschalll machen”!

Später hat Ludendorff aber erkannt, das es “gewisse Kräfte” gibt, gegen die er auch nicht ankommt und die ihm selbst sehr große Furcht und Besorgnis verursacht haben.
Das auf Wikipedia alles nur sehr, sehr vorsichtig angedeutet wird ist hier allen bekannt???

Einfach einmal selbst recherchieren sage ich zu den 1% welche noch denken können!
Wer die Vergangenheit versteht sieht die Zukunft sehr klar. Sollten die Guidestones von Georgia also recht behalten?

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wolfswurt July 4, 2013 at 13:12

Die EU war ein schöner glänzender Apfel der den europäischen Völkern gereicht wurde, gleich dem Apfel der Schneewitchen gereicht war.

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Karin Jürgens July 8, 2013 at 10:00

@ Raus aus Deutschland
Im Prinzip stimme ich Ihnen zu, es fehlt aber noch etwas ganz Wichtiges: Montanunion, EWG, Euro, EU u.s.w. wurden in den verschwiegenen Machtkreisen wie den Bilderbergern, CFR u.a. ersonnen und dann an die europäischen Regierungen weitergegeben. Dabei wurde allerdings peinlichst darauf geachtet, daß in Europa kein wirkliches Machtzentrum entsteht. Jedes Land hat seine eigene Wehrmacht, Brüssel hat keine. Offiziell sitzen da die Taktgeber, sie haben aber keine Möglichkeit, irgendwelche Verträge wirklich durchzusetzen. In dieses Hunderudel ohne Führer hat man dann den Knochen EURO geworfen. Klar, was jetzt passiert: Euroland zersetzt sich selber. Dieser Plan ist genial.

Adenauer wollte die europäische Integration mit einer gemeinsamen Verteidigung beginnen, das wäre nach meiner Meinung ein guter Anfang gewesen. Wenn dazu noch eine gemeinsame Außenpolitik gekommen wäre, dann gäbe es heute weniger Probleme untereinander und vor allem gäbe es klare Grenzen nach außen. Das wurde damals von Frankreich verhindert, jedenfalls offiziell. Ich halte es für wahrscheinlicher, daß da jemand gekauft wurde.

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dank July 4, 2013 at 09:08

Politisches Asyl für den US-Bürger Edward Snowden

https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2013/_06/_11/Petition_43198.nc.html

Empfehlung: Steckt das mal bitte den Kids in Frazenbuch & Co

Wenn jetzt mit genug Gewicht gearbeitet wird, sehen die Damen und Herren im Staatstheater, dass es Widerstand gibt.

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dank July 4, 2013 at 09:19
die Simpsons July 4, 2013 at 09:30

Barroso geht zur Tagesordnung über und will schon nächste Woche mit den USA die Verhandlungen über die Freihandelszone beginnen. Der Abhörskandal hat für diesen Herren anscheinend nie existiert und hilft den Raubtieren bei seiner eigenen Verfütterung. Bei diesen Politikern bzw. kriminellen Vereinigungen, sollte man sich nicht wundern, wenn auch wir demnächst unseren arabischen Frühling bekommen.
http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/07/04/barroso-will-schon-kommende-woche-ueber-freihandels-zone-mit-usa-verhandeln/

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Marco July 4, 2013 at 15:51

“Alles andere siecht dahin: Das Klima, die Perspektiven, die Moral”
Vor allem das Thema Moral ist für mich persönlich – unabhängig von den wirtschaftlichen Fakten – ein wichtiger Indikator, wie weit der Verfall unserer Gesellschaften schon fortgeschritten ist:

“Berichte über Reiche, die Muttermilch wie Champagner konsumieren sollen, haben in China für Empörung gesorgt. Nach Angaben der Zeitung “Southern Metropolis” bietet die Agentur Xinxinyu ihren Kunden Ammen an, die für viel Geld Neugeborene, Kranke und Wohlhabende mit ihrer Milch versorgen.”Unsere erwachsenen Kunden können die Milch direkt aus der Brust erhalten oder sie abpumpen lassen, sollten sie sich zu sehr genieren”, sagte der Agenturchef Lin Jun. Billig ist die private Versorgung mit Muttermilch nicht. Umgerechnet rund 2000 Euro kostet die Amme im Monat – das entspricht in etwa dem vierfachen Durchschnittslohn. “Gesunde und hübsche” Ammen erhalten deutlich mehr.”

http://www.n-tv.de/panorama/Muttermilch-ist-Modegetraenk-der-Reichen-article10935416.html

“In China ist das Stillen wenig verbreitet, laut einem Unicef-Bericht von 2012 geben nur 28 Prozent der Mütter ihren Kindern die Brust. Als Gründe werden die kurzen Mutterschutzzeiten genannt sowie die aggressive Werbung für Ersatzmilch.”

Kinder, die nicht gestillt werden, haben ein stark erhöhtes Risiko, an Allergien zu erkranken!
Aber halt, dann gibt es ja Tabletten, das ist ja dann wiederum gut für das BIP. Genauso wie die kurzen Mutterschutzzeiten und das Verkaufen von Ersatzmilch. Also volkswirtschaftlich alles in bester Ordnung. Und die Millionäre nuckeln an den Brüsten der jungen Müttern. Das ist natürlich auch gut, denn schließlich verdient die Vermittlungsagentur dadurch Geld (BIP) und die Frau hat auch ein Auskommen. Und die reichen (ich vermute jetzt einfach mal) Männer sind nach der Stärkung durch die Muttermilch auch wieder fitter um weiter an den Finanzmärkten zu zocken oder was auch immer.

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die Simpsons July 4, 2013 at 19:50

Das ist der Raubtierkapitalismus oder auch das Osterinsel-Syndrom. Und Irlmaier sprach von einer nie dagewesenen Sittenverderbnis. Das ist Punkt 3. Diesen Punkt kann man als quasi erfüllt betrachten, aber “Steigerungen” sind durchaus noch möglich, wenn man an Einstein denkt.

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